Archiv 2000: Vernehmlassungsantwort zum Bildungsgesetz
Stellungnahme der VAUZ zum Entwurf für ein Bildungsgesetz vom 19. April 2000 (Abschaffung der Stipendien auf Universitätsstufe)
Die VAUZ begrüsst das Projekt, die noch geltenden Bestimmungen des Unterrichtsgesetzes aus dem Jahre 1859 vollständig durch ein kohärentes Bildungsgesetz zu ersetzen. Die im Entwurf vorgesehene Neuregelung der Ausbildungsbeiträge im Tertiärbereich (§§ 17ff) hätte jedoch empfindliche Auswirkungen auf den wissenschaftlichen Nachwuchs, weshalb wir namentlich zu diesen Aspekten im folgenden Stellung nehmen.
Die VAUZ lehnt die Abschaffung der Stipendien entschieden ab. Sie vorwiegend durch Darlehen zu ersetzen, hätte fatale Folgen auch für den wissenschaftlichen Nachwuchs an der Universität Zürich und damit deren Zukunft in Lehre, Forschung und Dienstleistung.
Am Ende eines Studiums stünden jene, welche heute Stipendien erhalten, vor Schulden von mehreren 10'000 bis über 100'000 Franken, wenn sie in gleichem Masse mit Darlehen unterstützt werden wie bisher mit Stipendien. Schlägt eine Universitätsabgängerin oder ein -abgänger eine wissenschaftliche Laufbahn ein, so führt dies in den meisten Fällen über eine drei- oder mehrjährige wissenschaftliche Assistenz. Diese Teilzeitanstellung wird mit 2'500 bis 3'000 Franken monatlich entschädigt.
Dies verunmöglicht die Rückzahlung des Darlehens für lange Zeit und entmutigt fähige Absolventinnen und Absolventen, überhaupt eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen, was dem Postulat der Nachwuchsförderung diametral widerspricht. Dazu kommt, dass die Assistenzzeit an der Universität oft mit der Familiengründungsphase zusammenfällt, eine Zeit, die oft so schon grossen finanziellen Belastungen ausgesetzt ist.
Dass sich potentieller wissenschaftlicher Nachwuchs von der «Schulden-Perspektive» entmutigen liesse, zeigt eine Umfrage im Kanton Luzern vom Juni 1999, welcher das Darlehenssystem bereits kennt: Knapp 62 Prozent verzichteten auf das ihnen zugesprochene Darlehen, weil sie sich nicht verschulden wollten.
Um solche Schulden weitgehendst zu vermeiden, werden Studierende vermehrt erwerbstätig sein. Dies wird ihr Studium verlängern und würde dem Postulat des jüngeren akademischen Nachwuchses widersprechen.
Kommt hinzu, dass sie sich auf Studienrichtungen konzentrieren würden, von welchen sie erwarten, dass sie aufgrund der aktuellen Arbeitsmarktsituation genügend verdienen würden, um das Darlehen raschestmöglich zurückzahlen zu können. Die akademische Laufbahn gehört jedoch regelmässig nicht zu den Berufsfeldern mit hohen Anfangssalären.
Bei all diesen bildungs-, wissenschafts- und forschungspolitischen Nachteilen bezweifeln wir, ob die Abschaffung der Stipendien finanzpolitisch überhaupt sinnvoll ist. Die Eintreibung der Darlehen wäre mit einem hohen Verwaltungsaufwand verbunden, der Regierungsrat selbst würde dafür die Schaffung von drei bis fünf neuen Stellen notwendig erachten. Hinzukämen Zinslasten und Abschreibung von Darlehen.
Gemäss Weisung (Seite 14) werden von der Stipendienkommission jährlich 4'000 bis 5'000 Gesuche formell behandelt, wovon rund 1'000 inhaltlich diskutiert werden. Weil es sich teilweise um Ermessensentscheide handelt, kann sie im Rahmen des Rechts vom Antrag der Sachbearbeiterin oder des Sachbearbeiters abweichen. Unseres Erachtens rechtfertigt dies die Arbeit dieser Kommission, weshalb wir deren Abschaffung ablehnen.
Die VAUZ erachtet es als äusserst bedenklich, dass die Stipendien im Tertiärbereich seit den 80er Jahren real nahezu halbiert wurden, in den letzten Jahren unvermindert rückläufig waren und nicht einmal die im Voranschlag eingestellten Mittel ausgeschöpft wurden. Für die Gewährleistung eines demokratischen Bildungszugangs, Abbau sozialer Diskriminierungen, für die Verkürzung von Studiendauern, die Ermutigung des akademischem Nachwuchses und Förderung des wissenschaftlichen Mittelbaus wäre nicht die Abschaffung, sondern der gezielte Ausbau des Stipendienwesens dringend nötig.
Vereinigung der Assistentinnen und Assistenten an der Universität Zürich
Zürich, 25. Oktober 2000