Koreferat Heinz Gabathuler Soziologie Universität Zürich

Koreferat zu Helmut Holzhey: „1968 und die Folgen“

Als Nachgeborener empfinde ich es als sehr inspirierend, einen Zeitzeugen zu hören, der im realen Jahr 1968 und wie er selber gesagt hat, beeinflusst von den gesellschaftlichen wie inneruniversitären Entwicklungen, die wir heute noch mit der Chiffre „1968“ verbinden, sich an unserer Universität politisch engagiert hat. Gerade deshalb reizvoll, weil – auch wenn man sich die Biographie des studierten evangelischen Theologen und späteren Philosophiegelehrten Holzhey anschaut, „kein klassischer 68er“ ist: Sie sind Experte für Neukantianismus – und nicht etwa als Exeget der Sozialphilosophie der Frankfurter Schule bekannt – und Sie waren 1968 schon 31 Jahre alt und somit eigentlich ein Jahr zu alt, als dass man Ihnen noch hätte vertrauen können.

Zu den Entwicklungen und Ereignissen von 1968 haben Sie vieles schon erwähnt, was mir spontan bei der Vorbereitung auf dieses Koreferat auch eingefallen war: Hippies in Kalifornien, sexuelle Revolution, halluzinogene Drogen, Attentat auf Rudi Dutschke, Aufruhr in Paris, Globuskrawall im Zürcher Hochsommer und die Opposition der Studierenden von der Hochschule nebenan gegen ein neues ETH-Gesetz, in dem die Mitbestimmung nicht geregelt war – zentrales Schlagwort jener Tage übrigens nicht nur in der Studentenbewegung und im sich organisierenden akademischen Mittelbau, sondern auch bei den Gewerkschaften. Die Opposition gegen das ETH-Gesetz verweist auf einen von heutiger Warte, von aussen betrachtet, doch überraschenden realpolitischen Erfolg dieser 68er Bewegung – ich hab mir die Ergebnisse der Volksabstimmung (bei der die Männer noch unter sich waren) vom Juni 1969 kantonsweise angeschaut und (ohne ins Detail gehen zu wollen) komme ich zum Schluss, dass die studentische Opposition zwar dafür verantwortlich war, dass es überhaupt eine Abstimmung gab, aber die massive Ablehnung kaum einer tieferen Sympathie des Schweizer Männervolks mit deren Anliegen entspringt. Da wär die Frage zu stellen, wie dieser eher paradoxe Erfolg von der Studentenbewegung selber wahrgenommen wurde.

1968 steht aber nicht nur für Hippies, freie Liebe, für radikale sozialphilosophische Ansätze und rebellierende StudentInnen, es steht auch für die „neue Linke“ (ein Begriff der schon Jahre zuvor vom US-amerikanischen Soziologen Charles Wright Mills geprägt worden war) – eine Linke, welche die so genannt klassischen Themen der Arbeiterbewegung – Kampf um höhere Löhne, verkürzte Arbeitszeiten oder auch um die Besitzverhältnisse an den Produktionsmitteln - hinter sich lässt. An der 1. Mai Demonstration 1968 in Zürich wurden etwa Bilder von Rudi Dutschke (Studentenbewegung), von Ho Chi Minh (Opposition gegen den Vietnamkrieg), von Che Guevara (lateinamerikanische Guerilla), aber auch von Karl Marx mitgetragen (mit Ausnahme von Dutschke waren die auch schon alle über 30). Aber es ging noch um viel mehr: Anfänge der neuen Frauenbewegung. (es dauerte noch drei Jahre, bis in der Schweiz das Frauenstimmrecht eingeführt wurde – ob es ohne 1968 noch länger gedauert hätte?) – ich sag dies im Wissen darum, dass es 1968 noch zumeist Männer waren, die sich auch in der jungen antiautoritären Linken exponierten, aber kurz darauf kamen auch die Frauen mit ihren teils eigenständigen Forderungen, etwa nach straflosem Schwangerschaftsabbruch. Solidarität mit ImmigrantInnen im Zeichen grassierender Fremdenfeindlichkeit – es war auch die Zeit der Schwarzenbach-Initiativen in der Schweiz, der Slogan „alle Arbeiter sind Fremdarbeiter“ (auch 1. Mai, weiss nicht ob schon 1968 oder ein zwei Jahre später). Mal abgesehen von Guerillaromantik (Che Guevara) wurde auch ernsthaft ein neues Verhältnis zur so genannten Dritten Welt angemahnt – die Dekolonisierung war noch nicht abgeschlossen, wenn wir an die portugiesischen Kolonien in Afrika denken – die Organisation „public eye“, damals Erklärung von Bern, feiert heuer ebenfalls ihr 50jähriges Bestehen. Neue Lebensformen, „Kommune“, Wohngemeinschaften – heute völlig normal, damals von der Erwachsenenwelt beargwöhnt. Im Kanton Zürich noch bis 1972 Konkubinatsverbot: Junge (wohlgemerkt: heterosexuelle!) Paare, die unverheiratet zusammenleben wollten, mussten damals in den etwas moderneren Kanton Aargau ins Exil gehen, Spreitenbach hat angeblich sein explosionsartiges Wachstum diesem Umstand zu verdanken. Es entstanden in der Folge neue politische Parteien der Linken, die Progressiven Organisationen, die trotzkistische RML, maoistische Gruppen. Ökologische Themen wurden auf einmal auch von links besetzt, in der späteren Anti-AKW-Bewegung spielten Angehörige der Neuen Linken eine wichtige Rolle.

Hier vielleicht eine erste Frage an den Referenten: Ich habe vorhin unterstellt, Sie seien kein „klassischer 68er“: Wie nahmen Sie persönlich die ausserakademischen bzw über die Hochschule als Betätigungsfeld hinaus weisenden politischen und ideologischen Trends, die ich soeben beschrieben habe, wahr? Und eine Anschlussfrage, die neue Linke, auch die studentische, suchte ja in der Folge auch den Anschluss an die Organisationen der traditionellen Linken, betätigte sich in den Gewerkschaften, die – ein Stück weit schon postmaterialistisch - die Mitbestimmungsforderung hoch hielten – und veränderten diese auch von innen. Ich bin aktuell daran, die Geschichte eines anderen jubilierenden Vereins, der VPOD-Sektion Zürich Kanton bzw Staatspersonal zu erforschen (die ist genau doppelt so alt wie die VAUZ, gegründet 1918, dem Jahr des Generalstreiks), die dann ab 1978 an der Universität präsent war, deren Exponenten an der Uni kamen überwiegend auch aus dem Mittelbau, waren also Assistenten und Assistentinnen wie Sie 1968, nicht Hauswarte und Chemielaborantinnen. Inwieweit empfand sich zehn Jahre zuvor auch die VAUZ als Gewerkschaft? Gab es Versuche, sich mit Gewerkschaften zusammenzutun? Sie haben erwähnt, dass es auch Gegenstimmen gegen die Gründung einer Mittelbauvereinigung gab – gab es solche, die fanden, man solle sich besser gleich in einer Gewerkschaft organisieren anstatt, mit dem gütigen Einverständnis des Rektors, eine Standesorganisation zu gründen? Weil Sie Ihren Assistenten-Kollegen Hansueli Wintsch erwähnt haben, der war ja in der Sozialdemokratischen Partei aktiv, und dem müssten solche Überlegungen nicht ganz fremd gewesen sein, oder irre ich mich da?

Ich erlaube mir noch ein paar eher unausgegorene Bemerkungen, zu den Folgen von 1968, dies nicht nur an den Referenten, sondern auch ans Publikum gerichtet:
Da wird gesagt:
„Die 68er sind an der Macht, sie bestimmen das gesellschaftliche Klima“ – die Erfolge von so genannten rechtspopulistischen Politikern und Bewegungen werden damit erklärt, vielleicht verklärt, dass es heute die wenn nicht unterdrückten und ausgebeuteten, so doch die Zu-Kurz-Gekommenen seien, die durch deren Wahl ihren Protest gegen dieses so genannte linksliberale, bzw rotgrüne Establishment ausdrücken. Revolte heute also von rechts?
Oder hat im Gegenteil der Geist von 68 mit seinem Befreiungsdiskurs, der Individualisierung, get it while you can, nicht auch zur Entstehung des Neoliberalismus beigetragen, zum Schwinden des gesellschaftlichen Zusammenhalts im kleinen (Scheidungsraten) und im grossen (wachsende Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen und der Erfolg von so genannten disruptiven Geschäftsmodellen), Lustprinzip anstelle von Pflichtgefühl? Führt – wenn wir uns die Entwicklungen in Zürichs Partnerstadt San Francisco anschauen - ein direkter Weg von den Hippies der 1960er Jahre zu den Technologiegurus und Multimilliardären des Silicon Valley?
Eine Folge von 1968 ist aber gewiss die Politisierung weiterer Lebensbereiche, etwa der Sexualität (was grad wieder mal sehr intensiv diskutiert wird), der Familie, des Konsumverhaltens (Natur- und Umweltverträglichkeit), des Wohnens und der Nachbarschaft – nicht nur Wohngemeinschaften, sondern auch Hausbesetzungen und Stadtteilbezogene Bürgerinitiativen gehören seither zum Alltag westlicher Grossstädte.

Aber wenn dieses 1968 so wirkungsmächtig war, unsere Gesellschaft nachhaltig verändert hat (und die Universität: auch die VAUZ existiert noch immer) - wer waren oder sind denn nun die 68er? Eine blosse Generation – auch wenn man sie auf die damalige studentische Jugend in westlichen Ländern beschränkt – kann ja wohl nicht gemeint sein. Ich erinnere daran, dass sowohl Donald Trump als auch Hillary Clinton als auch Bernie Sanders „68er“ sind (gehören alle zu jener Generation, haben alle studiert) Dass in jenem Jahr 1968 an der hiesigen Rechtswissenschaftlichen Fakultät später so gegensätzliche Figuren wie Moritz Leuenberger und Christoph Blocher studiert haben. Tun wir denjenigen Unrecht, die obwohl damals StudentInnen, mit der Studentenbewegung nichts oder nur wenig am Hut hatten – und mit der „neuen Linken“ schon gar nicht? Aber wie kam es denn, dass – wenn die „eigentlichen 68er“ vielleicht eine Minderheit auch ihrer eigenen Generation waren – sie so wirkungsmächtig wurden?

wie gesagt diese Frage richtet sich an uns alle, aber erst will ich Herrn Holzhey die Gelegenheit geben, auf meine Ausführungen und meine zuvor gestellten Fragen zu reagieren, und dann geht das Wort ins Publikum.